Zur Entwicklung der deutschen Filmproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es zwei Filmmetropolen in Deutschland: Berlin und München. Die größten Atelieranlagen befanden sich in Babelsberg (Ufastadt) und Geiselgasteig (Bavaria Film). Hinzu kamen Großateliers in den deutsch besetzten Städten Wien (Sascha-Film in Sieve­ring, Vita-Film am Rosenhügel) und Prag (Barrandov Filmstudios). Nach dem Krieg gründete Gyula Trebitsch 1947 in Hamburg-Wandsbek das Real-Film-Atelier, aus dem 1960 die Studio Hamburg GmbH hervorging. Dadurch wurde Deutschlands zweitgrößte Stadt, die im Dritten Reich zwar oftmals als Kulisse gedient hatte, aber keine Ateliers wie in Berlin oder München besaß, erst spät zur Filmmetropole. Ebenfalls 1947 gründete Rolf Meyer (Junge Film-Union) die Atelierbetriebe Bendestorf. Im niedersächsischen Landkreis Harburg gelegen, zählte es dennoch zur Filmregion Hamburg. Bekanntester Film aus Bendestorf ist „Die Sünderin“ (1951) mit Hildegard Knef, der wegen einer Nacktszene der Hauptdarstellerin einen berühmt-berüchtigten Skandal nach sich zog.

1948 wurden zwei weitere Ateliers in Westdeutschland eröffnet: Düsseldorf und Göttingen. Letzteres, von Hans Abich und Rolf Thiele zunächst als Filmaufbau-Atelier gegründet, musste wegen der Pleite ihres Erstlingswerkes „Liebe 47“ an die Hamburger Vereinsbank verkauft werden, die die Filmatelier Göttingen GmbH ins Leben rief und die hochmodernen Atelieranla­gen mit großem Erfolg an andere Firmen vermietete. Bis Ende 1961 entstanden hier rund 100 Spielfilme, darunter acht Heinz-Erhardt-Komödien (1956-60) sowie Frank Wisbars „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ und „Nacht fiel über Gotenhafen“ (beide 1959). Großer Gewinn für das Atelier war Filmarchitekt Walter Haag, der preisgekrönte Kulissen schuf. Beide Filmateliers in Niedersachsen pflegten eine gute Zusammenarbeit: Da es in Bendestorf kein eigenes Kopier­werk gab, wurden die Filmrollen zur Entwicklung per Kurier nach Göttingen geschickt. Die Euphono Film Düsseldorf, gegründet von Franz Vogel, betrieb ein Atelier in einem Hochbunker im Stadtteil Benrath. Hier wurden jedoch nur zwei Spielfilme gedreht („Gesucht wird Majora“ und „Hochzeit mit Erika“, beide 1949). Danach konzentrierte sich Vogels Firma auf die Herstellung von Dokumentarfilmen.

Ein Jahr nach den Gründungen in Düsseldorf und Göttingen, 1949, nahm die Aktiengesellschaft für Filmfabrikation ihr Atelier „Unter den Eichen“ in Wiesbaden in Betrieb, das 1959 von Karl Schulz und seiner Taunus Film GmbH übernommen wurde. Dort zog am 1. April 1964 das neu­gegründete ZDF ein, nachdem sich Planungen zerschlagen hatten, die Produktionsstätten des Senders im Göttinger Atelier anzusiedeln. Eine Kuriosität in der Geschichte der deutschen Nachkriegsfilmproduktion war das Atelier der Schongerfilm in Inning am Ammersee. Ursprüng­lich hatte Hubert Schonger seine Produktionsstätte in Berlin. Infolge der Kriegseinwirkungen war er 1947 nach Oberbayern umgesiedelt. Dort produzierte er vorwiegend Märchenfilme – zuerst in einem zum Filmstudio umgebauten Bauernhof, später kam noch ein Hallenneubau hinzu.

Gingen ehemals Berliner Filmschaffende wie Rolf Meyer, Hubert Schonger und Franz Vogel in der Nachkriegszeit nach Westdeutschland, zog es ein Produzentenehepaar von der Leine an die Spree. Gero Wecker und Carola Bornée hatten ihre Arca-Film 1953 in Göttingen gegründet, erwarben 1956 ein vormals von der Ufa genutztes Ausweichatelier in Pichelsberg und etablier­ten dort ihren eigenen Studiobetrieb (heute Havelstudios). Da die ehemalige Ufastadt Babels­berg nunmehr in der DDR lag und als Defa-Studio für Spielfilm neu ausgerichtet wurde, konn­ten sich in Westberlin vor allem zwei Produktionsstätten behaupten: das Ufa-Atelier Tempelhof (seit 1964 Berliner Union-Film), dessen Vorgängerbetrieb bereits seit 1912 bestand, und das 1949 von Artur Brauner gegründete CCC-Studio Haselhorst.

Nach der Kinokrise gelang es, die Existenz der Studios in Berlin, Hamburg und München wie auch die Anlagen in Bendestorf und Wiesbaden durch Fernsehproduktionen sicherzustellen. Mit Gründung der RIVA-Fernsehstudios durch Hans Ritter und Wilhelm Vaillant entwickelte sich die Gemeinde Unterföhring bei München ab 1958 zu einem der wichtigsten Medienstandorte Deutschlands. Zu den Hauptmietern der Ateliers gehörten der Bayerische Rundfunk und das ZDF. Hier entstanden Fern­sehspiele sowie Quiz- und Musiksendungen. Nach dem kurzen Dasein des Düsseldorfer Ateliers ließ 35 Jahre später der Westdeutsche Rundfunk mit Drehbeginn zur TV-Serie „Lindenstraße“ die Tradition des Filmschaffens in Nordrhein-Westfalen wieder aufleben. Gedreht wurde die Serie im Kölner Stadtteil Bocklemünd. Zu Beginn der 1990er Jahre kamen noch weitere Studios für Film- und Fernsehproduktion im Großraum Köln hinzu. Nach der Deutschen Wiedervereinigung eröffneten mit Media City Leipzig (2000, „In aller Freundschaft“) und KinderMedienZentrum Erfurt (2007, „Schloss Einstein“) zwei Produktionsstätten in den neuen Bundesländern; seit 2006 wird bei der Studio Hamburg Serienwerft in Lüneburg die Telenovela „Rote Rosen“ produziert. Damit hat Niedersachsen nach den Schließungen in Göttingen (1961) und Bendestorf (2005) wieder einen professionellen Studiobetrieb.

© 2019 Sven Schreivogel


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